Wann man einen Wein trinken sollte
Der Frage, wann ein Wein getrunken werden sollte, wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Das Alter des Weins allein liefert noch keine Antwort. Es gibt zwar ein paar Richtlinien, doch Wein ist keine exakte Wissenschaft, sondern hat mehr mit persönlichen Vorlieben zu tun. Letztlich liegt die Entscheidung, wann Sie einen Wein trinken, bei Ihnen. Aber es gibt ein paar nützliche Faustregeln. Denken Sie daran: Es ist Ihr Wein, und Sie müssen selbst wissen, ob Sie ihn lieber jung und lebhaft oder langer gereift und samtweich mögen. Ein Wein verändert sich erheblich, wenn er reift. Und wie bei den Menschen mag man den einen vielleicht lieber in seiner Jugend, während andere erst reif werden müssen, weil sie dann die Weisheit des Alters erlangen.
Wie lange sollte man Weissweine aufheben?
Die meisten Weissweine (vor allem billige) sollte man am besten möglichst jung trinken – auf jeden Fall im ersten oder zweiten Jahr nach der Lese. Ihre Frische und ihre Fruchtigkeit machen ihren Reiz aus. Wenn man sie deutlich länger reifen lässt, nimmt dieser angenehm frische Geschmack ab. Es gibt jedoch Ausnahmen. Körperreiche Weissweine wie etwa Spitzenweine aus Burgund, andere wuchtige Chardonnays sowie feine Rieslinge werden normalerweise im Alter komplexer. Bei edelsüssen Sémillons (wie etwa Sauternes), süssen Muscats und anderen Dessertweinen lohnt sich eine Lagerung. Guter Champagner entwickelt sich ebenfalls positiv in der Flasche. Und grosse Weine aus Chenin Blanc scheinen ewig lang zu halten.
Muss man Rotweine nicht jahrelang reifen lassen?
Die eindeutige Antwort darauf lautet: nein, heutzutage nicht mehr – allerdings kommt es auch hier wieder darauf an. Rotweine enthalten mehr Tannine. Das sind Gerbstoffe, wie man sie auch in schwarzem Tee findet, der lange zieht. Sie stammen aus den Traubenschalen und dienen als perfektes natürliches Konservierungsmittel für den Wein. Wenn Tannine vorhanden sind, erkennt man das sofort, weil sich der Mund dann pelzig anfühlt. Kräftige, mit traditionellen Methoden hergestellte Weine (wie etwa die der grossartigsten Bordeaux-Güter) können Unmengen von Tanninen enthalten und müssen viele Jahre lang lagern, bevor sie sanft genug sind, dass man sie trinken kann. Die Frucht wird milder; gleichzeitig kommen von weiss Gott her andere merkwürdige Aromen zum Vorschein: beispielsweise lederartige, rauchige oder erdige Noten. Der Mythos, dass alle Rotweine gereift sein müssen, bevor man sie trinken kann, rührt von diesen alten, traditionellen Methoden der Weinbereitung her. Ich persönlich trinke sogar recht tanninreiche Rotweine lieber jung. Aber ich esse dazu immer Fleisch oder Käse, weil diese Speisen die Tannine abmildern (dafür sorgen Aminosäuren – ähnlich wie die Milch, die im Tee die Gerbsäure "milder" macht).
Welche Rotweine sind sofort trinkreif?
Heute weiss man, wie man Weine ohne übermässig viele Tannine erzeugen kann. Und die meisten davon sind schon bald nach der Lese trinkreif. Die Australier beherrschen diesen abgerundeten, fruchtbetonten Weinstil meisterlich, aber sie sind keineswegs die Einzigen. In Frankreich produzieren das Beaujolais, die Loire und die Rhône alle hübsche, früh trinkreife Rotweine. Das gilt auch für viele kalifornische Anbaugebiete sowie die fortschrittlicheren Weingüter in Spanien und Italien.
Gibt es also keine festen Regeln?
Ganz bestimmt nicht. Wenn ein Wein gut bereitet ist (was für alle unsere Weine gilt). wird er nicht später zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach auseinanderfallen. Ich habe meine Weine am liebsten, bevor ihre Frucht austrocknet und sie wie welkes Herbstlaub riechen. Doch einer der grössten Weine, die ich je probiert habe, war ein 1947er Grand Cru aus Burgund, als er 45 Jahre alt war. Er war immer noch voller Leben und Frucht, aber von erstaunlicher Komplexität. Das kommt zwar, wie ich zugeben muss, sehr selten vor, aber gut bereitete Weine halten sich, wenn sie richtig gelagert werden, überraschend lang.
Was soll ich tun, wenn ich eine Flasche aufmache, die noch nicht ganz auf ihrem Höhepunkt ist?
Dann ist es auch nicht so schlimm. Wenn Ihnen der Wein ein wenig zu jung vorkommt, sollten Sie zuerst ein Stück Fleisch oder Käse essen. Das nimmt ihm die Strenge. Oder Sie korken den Wein wieder zu und lassen ihn ein paar Tage stehen. Sie können den Wein auch in ein Dekantiergefäss umfüllen. Wenn er der Luft ausgesetzt ist, werden die rauen Kanten oft ein wenig abgemildert. Bei mir hat das schon einige Male geklappt.
Hilft Ihnen all das weiter? Nicht sehr, nehme ich an. Aber wir tun unser Bestes, damit Sie aus unseren Weinbeschreibungen erfahren, welcher Zeitpunkt unserer Meinung nach für einen Wein die "ideale" Trinkreife ist. Sie sollten jedoch nicht sklavisch an diesen Angaben festhalten, sondern sie eher als allgemeine Richtschnur auffassen. Finden Sie selbst heraus, wie Sie Ihren Wein am liebsten mögen (lebhaft und fruchtig oder weich und mild) und weichen Sie von unseren Vorgaben ab, damit Ihnen der Wein selbst Spass macht.


